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Offener Brief an Konrad Zuse, die Erfindung des Computers betreffend
DeutschlandRadio Kultur, 17.10.07

Werter Herr Zuse!

Fast täglich gehe ich durch die Berliner Methfesselstraße und werfe einen Blick auf die Gedenktafel, die daran erinnert, daß hier 1941 "der Rechner ZUSE Z3 als erster funktionsfähiger Computer der Welt in Betrieb" ging. Wozu Sie die Wände von drei Wohnungen durchbrechen mußten, steht heute in Aktenmappengröße auf meinem Schreibtisch.
Ich weiß nicht, ob Sie mich im Jenseits hören können, aber das von Ihnen im Diesseits angerichtete Desaster zwingt mich zu einer Wortmeldung. Sind Sie sich im klaren, daß Sie für die Zerstörung meines Selbstbewußtseins und das hunderttausender Leidensgefährten verantwortlich sind? Es beruhte darauf, daß wir uns in Anbetracht von jeweils zwei linken Händen als Kopfarbeiter definierten. Seitdem aber die Hände nur noch zum Halten von Mäusen genutzt werden, ist die Teilung in Kopf- und Handarbeiter hinfällig geworden und haben sich die Schranken in die allein herrschende Kopfarbeit verlagert. Sie trennen die Mehrheit der Menschen, der mit einem Computer umzugehen keinerlei Schwierigkeiten, ja größtes Vergnügen bereitet, von einem sich davon überfordert fühlenden Rest.
Stellvertretend für ihn erhebe ich meine Stimme, um... Ich bitte um Verzeihung, aber gerade fragt mich mein Computer, ob er eine Autokorrektur auf Malaiisch installieren darf... Das führt uns mitten hinein in die von mir angepeilte Problematik. Warum muß ich immer irgendwelche Fragen beantworten, die mich nicht interessieren oder die ich schlicht nicht verstehe? Für jemanden, dem die Welt ansonsten keine Fragen stellt, mag das eine willkommene Abwechslung bedeuten, für mich ist es nicht nur Zeitverschwendung, sondern stürzt mich obendrein in schwere Gewissenskonflikte. Wie kann ein fühlendes Wesen eine Frage wie "Soll diese Datei wirklich gelöscht werden?" mit "Ja" beantworten? Ich werde zum Herrn über Leben und Tod von Dateien und Programmen gemacht, muß mich ununterbrochen entscheiden, ob etwas "gelöscht", "verschoben", "gespeichert" oder "gespeichert unter" werden soll. Und auf all diese Fragen darf ich nicht mit "Moment mal, wie meinen Sie das?" antworten, sondern immer nur mit "Ja" oder "Nein".
Ich weiß, daß darauf die Funktionsweise Ihrer Erfindung beruht, aber haben Sie, Herr Zuse, bedacht, was das für Verwüstungen in einem Kopf wie den meinen anrichten kann. "Wie dem meinen" bedeutet ein Kopf, der nicht einem "homo faber" oder, wie Houellebecq den Menschen definiert, einem "erfinderischen Wesen" gehört. Durchaus habe auch ich Vergnügen an Erfindungen, doch an welchen imaginärer Art, die bitte niemals Realität werden sollen. Die wirkliche Welt halte ich für dermaßen zerbrechlich, daß ich nicht daran zu rühren wage. Mit Recht erwidern Sie jetzt, die Welt der Computer sei ja nur eine virtuelle, und die von mir verlangten Handlungen könne ich als Teil eines Spiels auffassen.
Leider ist mir das nicht möglich, weil die Spielregeln meinem innersten Wesen widersprechen. Sehen Sie, ich bin von Beruf Schriftsteller, was bedeutet, daß ich all die meinen Geist terrorisierenden Informationen in den Fluß einer Erzählung oder eines logisch sich entwickelnden Gedankens zu bringen versuche. Was aber verlangt mein PC von mir? Daß ich diese Erzählung, diesen Gedankengang wieder in einzelne Informationen zergliedere, die er mir abverlangt. Daß ich mich als Diktator einer Datenwelt aufspiele, die ich gerade mit List und ohne Tücke zu vermenschlichen versucht habe.
Ich kann durchaus die Lust nachempfinden, die Ihre Nachfolger bei der Ausübung einer solchen Datendiktatur verspüren. Wer sonst nichts zu entscheiden hat, ist dankbar für jedes "Ja" oder "Nein", das er aussprechen darf. Wer sonst Verantwortung scheut, kann sie hier gefahrlos übernehmen. Wer sonst keine Zeit zu haben glaubt, kann sie als Nutzer einer Flatrate getrost durch die Sandruhr rinnen lassen. Wer unter Vereinsamung und Sprachlosigkeit leidet, hat die Möglichkeit, sich durch Vernetzung als Teil eines weltweiten Kommunikationssystems zu fühlen. Wer das Spielen im Leben verlernt hat, darf es am PC ohne das Risiko einer Niederlage üben.
"Probier es noch einmal über den Total Commander", raunt es beispielsweise in meinem Telefonhörer, wenn ich mal wieder wegen einer mißlungenen Operation um Rat bitte. So langsam habe ich den Verdacht, daß die ganze mysteriöse Computerarbeit eine einzige Probiererei ist, eine Folge von Versuchen und Irrtümern, bis sich zufällig das gewünschte Ergebnis einstellt. Voraussetzung dafür ist vor allem Skrupellosigkeit beim Drücken von Tasten.
Was aber, lieber Herr Zuse, wenn einem jedes Tastendrücken, das ein Erteilen von Befehlen bedeutet, gegen den Strich geht? Was, wenn einem das Leben zu kostbar ist, um es mit Irrtümern hinzubringen, die keinen Erkenntniswert besitzen? Sie haben Recht - ich vollziehe meinen Lieblingsakt und drücke auf "Beenden".

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