Start Biografie Bibliografie Bücher Publizistik Gespräche Fotos Impressum


Michael Pilz, Amazonien plus Zone.
Vom unerwarteten Abhandenkommen eines Exils
Neue Zeit, 17.3.93

1985 entflieht Bernd Wagner dem Prenzlauer Berg gen Westen. Doch schon vier Jahre später drängt das von ihm verlassene Volk durch die Mauer, wieder hinein in sein Leben. So steigt er denn auf den Berliner Kreuzberg und predigt von dort herab zu den verstörten West-Sperlingen. Er weiht sie ein in das nahe gelegene, ferne Land "Kalamazonien", wie er seine einstige Heimat nennt - als Extrakt aus "Kalamität", "Amazonien" und "Zone": Er, der Flüchtling, dem unerwartet sein Exil abhanden kam. "Der Schlußstrich", so fürchtet Wagner, "wird ausradiert".
Und er warnt die westdeutsche linke Sperlingsszene vor "östlichen Barbaren, die nicht einmal die Exotik einer fremden Kultur mitbringen, nur Dürftigkeit und eine ziemlich unangenehme Gier auf Dinge, die uns schon zum Halse heraushängen."
Der Zynismus ist hier Mittel zum Zweck. Er legt die gedanklichen Absurditäten bloß, die der anfängliche Wende- und Vereinigungseuphorie schon bald den Katzenjammer bescherten. Verschont bleiben da weder die romantische Linke West noch die ehemals staatliche Ost: "Wenn jetzt die Plebermassen, die Professor Tübke auf seinen Bauernkriegsschinken mit Morgenstern und Sense gemalt hat, tatsächlich seine Villa stürmen, bedeutet das nur, daß sie den Volkskult, mit den man ihnen so lange auf die Nerven gegangen ist, endlich beim Wort nehmen", frohlockt der Autor.
Bernd Wagner, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, weiß, wovon er schreibt. Als einer der Initiatoren des damaligen Ostberliner Untergrundmagazins "Mikado" kennt er die Intelektuellen hüben wie drüben; die Jahre "auf der schmalen Brücke zwischen den Welten" haben ihm eine zeitweilige Distanz geschafft und seinen kritischen Blick geschärft.
Der Koffer, der bereits bei seiner Übersiedlung voll war mit allerlei mitgebrachtem Ärger, hat sich zusehends gefüllt. Bevor er nun zu platzen droht, schüttet Wagner seinem Leser den Inhalt kurzerhand vor die Füße. Aber doch systematisch; so nämlich breitet er in einer sehr subtilen, extrem verdichteten Form aus Prosa und Essay all die schlimmen Erinnerungen an den "real existierenden Asozialismus" damals oder den "Verbrüderungstaumel" unlängst aus.
Und der Berliner Querdenker schreibt Literaturgeschichte; die "Kalamazoniens" mit ihren "Helden", die "zwiebelschneidend ihre Vergangenheit bewältigen". Eine leichtfüßige Ironie umreißt in Episoden und Gemeinplätzen die Historie in drei Epochen. Vom Literaten- und Funktionärsidyll in Pankow zieht Wagner in die Leipziger Straße und endet in den Hinterhöfen in Prenzlauer Berg.
Die Protagonisten erhebt er in den Hang der Göttlichkeit, um sie tiefstmöglich stürzen zu können. Je plumper das Hohelied, um so schärfer der Hohn: "Hier mußte er (der Schriftsteller) sich nicht wie im Kapitalismus um seinen Lebensunterhalt sorgen, denn als der bessere Mensch der alten Welt sollte er einen vollen Bauch haben, damit er die neue Welt besser besingen konnte." Dennoch, bei allem Spott, bei allem brutalen Entzaubern vermeintlich positiver Werte, ist Wagner kein hämischer Besserwisser. Er ist kein Grantler, der kreuz und quer durch die Utopie pflügt. Wagner mahnt. Meist schiebt sich die warnung unvermittelt zwischen den Zeilen hindurch, zuweilen liegen seine Menetekel gar erschreckend offen. Die Ahnung von eskalierendem Nationalismus hat die Wirklichkeit längst überholt. Auch Heiner Müller, nach Wagner ironisch-entmystifizierend der "neue Meister", hat sich selbst als moralischer Heroe der DDR-Literatur disqualifiziert.
Akribisch trägt er den Sperrmüll zerplatzter Träume ab, der den Blick auf die Tatsachen verstellt: Der Sozialismus müsse sich an Stalin, Deportationen und Internierungslagern messen lassen, ein ersehntes geeintes Europa müsse auch seinen Osten zur Kenntnis nehmen. Zusehends entpuppt sich der böse Zyniker, Bernd Wagner, als rechtmäßig wütender Moralist.
Schließlich predigt er noch einmal zu den lieben Kleinen, den Sperlingen auf der Straße. Diesmal klettert er zurück auf den Prenzlauer Berg, um, wie der heilige Franziskus seinen Vögeln, seinen vertrauten Dreckspatzen im Osten die mehr oder minder frohe Botschaft von der mutmaßlichen Allmacht des Geldes zu überbringen: "Ihr seid gekommen, weil ihr erkannt habt, daß diese Welt einen Namen hat, und der ist Geld... Es macht potent, energiegeladen, stahlhart, wie es gleichzeitig tolerant und einsichtig macht... Und jetzt wollt ihr nur noch eins wissen, nämlich wie man an dieses Geld herankommt."

zurück