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Konrad Franke, Hochwertiges Nichtstun.
Bernd Wagner lädt mit seinem Roman in den "Club Oblomow" ein.
Süddeutsche Zeitung, 23.9.99

In seinem fünften, 1988 erschienenen Buch "Der Griff ins Leere" hatte Bernd Wagner geschrieben: "Sieh ohne zu werten und lass die Dinge für sich existieren." Sein zehntes, sein neues, Buch folgt dieser Aufforderung ganz und gar: Der Flaneur Max schaut sich im Berliner Scheunenviertel um und tut nichts. "Qualitativ hochwertiges Nichtstun" ist sein Programm und das Programm seines Clubs, des "Clubs Oblomow". Da jegliche Arbeit, insbesondere die künstlerische, verboten ist, spielt man Billard und Schach.
Wäre da nicht ein Computer, dessen Fragen Max beantwortet, wäre Wagners Roman nur ein Berliner Szene-Führer mehr. So aber teilt der Erzähler Max, zeitweise etwas unsicher, ob er Jargon oder Literatur schreiben soll, Club-Geschichten mit - von Fliegerheinz, dem Artisten, von der Vorliebe der Fidschi-Frau Mary, vom Billardlehrer und Zigaretten-Maschinen-Fachmann Rothand, vor allem aber vom Club-Präsidenten Boris, der die frühere Hausbesitzerin dazu gebracht hat, ihr Vermögen dem Club zu vermachen. Wie das vermögen beinahe verloren geht und dann doch wieder gewonnen wird und wie das alles mit dem Dialog-Computer zusammenhängt - eine einigermaßen abenteuerliche, aber schlüssige Story lehrt es.
Interessanter bleiben die vom Computer von Max anvertrauten Erzählungen über einen Queue-Kauf in der Berliner Billard-Fabrik Boetzel, über den Bücherklau-Wettbewerb, zu DDR-Zeiten auf der Leipziger Buchmesse ausgetragen, über den Clubgenossen mit dem schwach verschleierten Namen Schuldenreich, der, weil er nichts anderes als Schiller lesen will, in der DDR beinahe in die "Klappe" kommt, über Max selbst.
Der Computer fragt Max nach seinem Urteil über die Literatur unseres Jahrhunderts und Max nennt die Namen Celine, Hamsun, Remarque, Gombrowicz, Hilsenrath, Ralf Rothmann und begründet ausführlich, kenntnisreich und mit Nachdruck seine wahl. Das Urteil über die Westberliner Kollegen des Schriftstellers Max ist weniger freundlich.
"Club Oblomow" - das ist ein Rundgang durch ein kleines Viertel von Berlin-Mitte: Eingehüllt von Kneipengerede, Bierdunst und Rauch vertraut der Erzähler der Dialog-Maschine - ein bisschen sämig im Ton, aber durchaus auch mit verschmitztem Charme - sein Eigentliches an, sein Leben als Leser dicker Romane, als guter Billardspieler und schlechter Liebhaber. Da Bernd Wagner, wie einst von sich gefordert, die Balance zwischen der Existenz der Dinge und ihrer Wertung einigermaßen zu halten vermag, liest sich dieser Bericht aus dem Leben eines gebildeten Zeit-Totschlägers meistens vergnüglich.

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