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Der Mensch ohne Eigenschaften
Politisches Feuilleton im DeutschlandRadio Kultur, 19.3.07

Singapore Airport. In Terminal B hat ein Chinese die Nerven verloren und schreit in gebro-chenem Englisch: "I like China. In China I can smoke where I want." Unbeeindruckt davon saugen die Flughafenangestellten weiter Teppiche, schweben die Passagiere auf Laufbändern durch die parfümierte, von asiatischen Flötentönen erfüllte Luft. Ich folge dem angetrunkenen Chinesen zu einem als "smoking area" ausgewiesenen Glaspavillon. Er hat die Größe von fünf Telefonzellen, und als ich die Tür öffne, verschlingt mich Nebel. Ich erkenne darin zwanzig, dreißig unheilbare Raucher, die sich um zwei sandgefüllte Aschekübel drängen. Obwohl sämtlichen Rassen der Menschheit angehörend, haben sie alle einen ähnlichen Gesichtsausdruck. In ihm mischt sich Zorn, Zerknirschung und Ratlosigkeit darüber, wieso ausgerechnet sie von ihrem Laster nicht lassen können und deshalb die Hölle schon vor ihrem Tod durchleben müssen. So wie der Qualm von meinem Zigarillo steigen Gedanken in mir auf, die das Leben zu einem einzigen Dilemma erklären.
Flugverkehr und Rauchverbot - sind das nicht Eckpfeiler unserer Verwirrung?
Als der Mensch den Himmel eroberte, geschah das im Hochgefühl nie erlebter Freiheit. Raum und Zeit wurden zu den von unseren Hirnen produzierten Schimären, die sie sind, und jeder Ort erträglicher, weil man ihn so schnell wechseln konnte. Doch spätestens seitdem man neben Militär- auch Passagiermaschinen als Waffen verwendet, ist das Fliegen zu einer Tortur geworden, die mehr Nerven tötet als der sich anschließende Urlaub wiederbeleben kann. Vernachlässigen wir einmal den Tickettkauf mit all seinen Gefahren der Übervorteilung und Terminverwechslung und beginnen mit dem Betreten des Fughafens. Ist es überhaupt der richtige Flughafen? Ist es das richtige Terminal, die richtige Schlange, an die Sie sich anstellen? Nehmen wir an, es sind die richtigen und Sie haben Ihre Bordkarte erhalten, sind durch Ausweis-, Zoll- und Gepäckkontrolle gekommen und haben lediglich Ihre Nagelschere dabei eingebüßt. Was kommt dann? Sie müssen Sich setzen und warten, bis Ihr Flug aufgerufen wird. Nein, jetzt noch nicht, zuerst kommen die Reihen 1-15 dran, für deren Besitzer eine blaue Karte hochgehalten wird. Sie dürfen sich erst bei der grünen Karte anstellen. Sie haben es geschafft und sitzen jetzt im Flugzeug. Was tun Sie? Sie warten wieder und ununterbrochen. Sie warten, bis die Stewardeß ihre Pantomimen beendet haben, bis Sie sich abschnallen dürfen, bis der Imbiß serviert wird, bis der Spielfilm über den Untergang der Titanic beginnt usw.
Die Domestizierung des Menschen ist nicht nur ein Verdienst des Flugverkehrs. Das gesamte moderne Leben verlangt für die gewährten Freiheiten von uns die Geduld und Disziplin von Herdentieren. Wir warten vor Ampeln und im Stau, wir warten, bis der PC auf Touren kommt und wir am Telefon zum nächsten freien Mitarbeiter vermittelt werden. Wir füllen die sinnlosesten Formulare für Einkommensteuererklärungen, Versicherungen, Rentenanträge aus und merken dabei nicht, wie all unsere Aktivitäten zu einem permanenten Leerlauf gehören. Die einzige wirkliche Anforderung, die an uns gestellt wird, ist die des klaglosen Funktionierens, ist, daß wir nicht in Zorn, Sarkasmus oder andere Formen des Widerstands ausbrechen, mit einem Wort, daß wir zu dem von Musil beschworenen Mann oder, noch besser, dem ungeschlechtlichen Menschen ohne Eigenschaften werden.
Woraufhin sich meine Gedanken dem Rauchen zuwandten. Was ist es - das Rauchen nämlich - anderes, als der Versuch, sich eine letzte Eigenschaft zu bewahren? Was ist es für haltlose Menschen wie uns, die, kaum der Mutterbrust entwöhnt, heimlich an der Zigarre des Vaters zogen, anderes als der letzte Halt im Leben? Er soll uns nicht gegönnt werden. Zugegeben, das Rauchen ist eine schädliche Angewohnheit, aber ist es das Trinken von Alkoholika oder Fruchtsäften, das Essen von Eisbeinen, Hamburgern und Schokoriegeln, das Fahren im Auto, das Fliegen im Flugzeug, ist es das gesamte Leben nicht auch? Eltern sollen wählen dürfen, ob Sie Ihr Kind selbst erziehen oder in die Kinderkrippe geben wollen, Süchtige, ob sie sich Methadon oder Heroin spritzen, der Verunglückte, ob er seine Organe mit ins Grab nehmen oder einem anderen Verunglückten spenden will - nur wir sollen keine Wahl haben, ob wir uns in einem Nichtraucherlokal an Glutamat oder in einem für Raucher zusätzlich noch an Nikotin vergiften. Man will uns zur Gesundheit zwingen. Man will uns zu einem noch längeren Leben zwingen und wird erst über dessen Sinn zu zweifeln beginnen, wenn man feststellt, daß die Betreuung von Alzheimer-Patienten wesentlich kostspieliger ist als die Amputation eines Raucherbeins. Dann aber wird es zu spät sein, weil man vergessen haben wird, welche Eigenschaften wir inzwischen verloren haben.

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