Start Biografie Bibliografie Bücher Publizistik Gespräche Fotos Impressum


Aus dem Fluß der Ereignisse schreiben.
Bernd Wagner im Gespräch mit Bruno Preisendörfer
zitty 13/91

B.P.: Wann sind die Essays zu diesem Band entstanden?

B.W.: Zuerst habe ich "Blitzschlag, Angst und Vaterlandsliebe" geschrieben, und zwar im November, Dezember 89. Der Text entstand aus der ersten Erregung, aus der ersten Verunsicherung und Begeisterung. Ich dachte, daß damit eigentlich die sache erledigt sei, daß ich meinen Beitrag geliefert hätte. Ich merkte aber dann, daß ich mit dem anderen Buch, an dem ich gerade arbeitete, nicht weiterkam, also nicht wie ein Musterschüler, wenn die ganze Klasse tobt, in der Ecke sitzen und weiter meine Arbeit machen konnte. Aus dieser ersten Rede entwickelte sich dann die Idee, dieser Rede weitere anzufügen. Das Buch ist also parallel zu den Ereignissen entstanden.

B.P.: Einige Passagen sind sehr scharf, sehr heftig. Andere Stellen wiederum sind ganz milde gestimmt.

B.W: Mir ging es natürlich nicht darum, aktuelle Stellungnahmen abzugeben oder eine polemische Auseinandersetzung zu führen. Ich wollte einfach, was die Kraft und Intensität angeht, mithalten mit den Ereignissen.

B.P.: In der ersten rede ist die Angst das große Thema, die Angst des Vertriebenen, nach Öffnung der Mauer von dem eingeholt zu werden, dem er erst vor wenigen Jahren entkommen konnte. Es heißt da zum Beispiel. "Ich hasse die Verbrüderung!" Oder: "Ich will das ewige Tschernobyl, ich will die Angst vor Berührung und Ansteckung..."

B.W.: Damit zitiere ich gewissermaßen einen möglichen Blick auf die Westberliner Realität, das große Massen- und Kollektivtheater, in dem aber doch jeder isoliert und alleine seiner Wege geht. Ich will diese Haltung der Anonymität erst einmal auskosten, ich will Fremdling bleiben. Sicher überspitze ich, um die Schärfe des Zusammenpralls deutlich zu machen. Die Texte sind ja auch literarische Texte. Schon die Situation, daß ich im ersten text auf dem Balkon stehe und wie der heilige Franziskus den Vögeln predige, ist ja eine Literarisierung.

P.B.: Es geht also weniger darum, einfach Meinungen zu sagen, als vielmehr Sichtweisen auszuprobieren?

B.W.: Mir ist während des Schreibens an diesem Buch klargeworden, daß es eine Notwehrreaktion war. Also entweder gehe ich ständig rüber in den Osten, treffe meine alten Freunde wieder, gehe auf Colloquien oder auf Demonstrationen oder ich schließe mich ab und versuche meine Sprache zu finden. Mir wurde klar, daß ich während dieses Jahres im Grunde genommen mit niemandem reden konnte. Ich habe dieses Jahr überstanden und genutzt; was dabei rausgekommen ist, war dann aber letzten Endes nicht nur Notwehr, sondern ich habe die Politik und das Zeitgeschehen in meine Sprache übersetzt, habe es den Medien weggenommen und durch die lterarische Verarbeitung zu meiner eigenen Erfahrung gemacht.

P.B.: Während der ersten Monate sind ja alle herumgerannt wie die aufgescheuchten Hühner, alte, fest geglaubte Positionen sind zusammengebrochen...

B.W.: ...aber diese Veränderungen im eigenen Denken, wenn jeder Tag eine neue Situation bringt, jeder Tag den alten hinter sich begräbt, sind erregende Erlebnisse. Wenn man aus dem Fluß der Ereignisse selbst schreibt, haben die Gedanken noch Lebendigkeit und Geschmeidigkeit. Deshalb ja auch die Form der Rede.

P.B.: Was mir bei diesen Texten besonders gut gefällt, ist die Infragestellung von Übereinkünften und von allgemeinen Wertschätzungen.

B.W.: Ich habe die Ereignisse als Märchen, oder eigentlich als Komödie geschildert. Der komödiantische Aspekt ermöglicht da besondere Freiheiten.

P.B.: Sie sprechen an einer Stelle davon, daß in der DDR die Literatur gebraucht wurde. Das klingt für mich so: wie fürchterlich, daß die Literatur gebraucht wird, denn wenn sie so gebraucht wird, dann kann das Leben eigentlich nur schlimm sein. In der Bundesrepublik wird die Literatur nicht besonders gebraucht, in den neuen Bundesländern auch nicht mehr. Glücklicherweise, muß man dann ja sagen?

B.W.: Wenn die Literatur nicht mehr als Ersatz gebraucht wird, ist das gut, ja.

P.B.: Die Lesergemeinden in Westdeutschland und in Ostdeutschland dürften sich ziemlich unterscheiden. Für wen schreiben Sie?

B.W.: Ich will das überhaupt nicht mit Gesellschaftsformen in Verbindung bringen. Es sind immer Individuen, für die ich schreibe. Ich möchte mich in ein Reich der Phantasie begeben, das mich selbst animiert, befriedigt, begeistert. Dazu gehört auch das imaginäre Gespräch mit Autoren, die mir etwas bedeuten.

P.B.: Wer wäre das?

B.W.: Das wechselt. Als ich in den Westen kam, war eine der guten Sachen für mich nicht die Flut dessen, was ich hätte lesen können, sondern daß ich auswähren konnte. Für mich spielen jetzt die ostmitteleuropäischen Autoren eine besonders große Rolle.

P.B.: Von Ihnen bewunderte Autoren wie Hrabal und Konrad sind keine Linken in dem Sinne, wie hierzulande sortiert wird. Über die Krise der Linken heißt es bei Ihnen: "Die sogenannte Linke fühlt sich von der Beschichte betrogen und beleidigt, die sogenannte Rechte versucht die Fragen der Wirklichkeit zu beantworten und natürlich in ihrem Sinne zu manipulieren." Oder: "Mehr als alles andere ist 'links' zu sein Teil einer Konvention, die von Erfahrungen weitgehend unabhängig ist." Ist Linksssein eine überholte Haltung.

B.W.: Das muß jeder für sich finden. Für mich war wichtig nachzuvollziehen, was Ionescu die Entmystifizierung der Linken genannt hat. Überhaupt haben sich die Kategorien Links und Rechts aufgelöst, sie sind nicht mehr fruchtbar. Es gibt soziale Verantwortung, ethische Prinzipien im Denken, und es gibt Egoismus, einen extremen Individualismus in der Gesellschaft. Aber der propagierte Kollektivismus ist für diese Probleme keine Lösung.

P.B.: Schriftsteller und überhaupt Künstler sind in gewisser Hinsicht Fachleute fürs Individuelle. Sie sind diejenigen, die sich gesellschaftlich sanktioniert ihrer individuellen Entfaltung hingeben dürfen. Während die Normalbürger tagaus tagein mehr oder weniger im Gleischschritt marschieren, dürfen sich die Schriftsteller um sich selbst kümmern und müssen dafür das Publikum unterhalten. Das ist sozusagen der Vertrag, der zwischen Publikum und Künstlern geschlossen ist. Was halten Sie von Situationen, in denen, wie bei Havel, ein Fachmann für das Individuelle Staatspräsident wird, zum Repräsentanten einer abstrakten Allgemeinheit.

B.W.: Ich glaube nicht, daß es möglich ist, gleichzeitig beides zu machen. Havel wird wohl kaum noch zum Schreiben kommen. Aber ich würde eine Verbindung von Kunst und Politik nicht von vornherein ausschließen. Das ist bestimmt nicht schädlich für die Politik. Was das für die Literatur heißt, ist wieder eine andere Sache. Da muß jeder seinen Weg für sich allein bestimmen. Bei Havel könnte das auch eine politische Fortsetzung seiner literarischen Arbeit sein.

P.B.: Noch einmal zum revolutionären deutschen Herbst. Sie sprechen davon, daß das Humanste am DDR-Sozialismus seine Fähigkeit war, kampflos abzutreten.

B.W.: Ich hoffe, daß er wirklich kampflos abtritt. Das wissen wir ja noch gar nicht. Aber während der Nationalsozialismus bis zum bitteren Ende sein Programm durchführte, ist der Sozialismus sozusagen in der Schlamperei versickert.

P.B.: Schlamperei als das humane Element des Sozialismus...

B.W.: Der nationalsozialismus hat sich Schlamperei nie gestattet, der ist bis zum Wahnsinn durchgegangen.

P.B.: Werden die sozialen Probleme in der ehemaligen DDR eine Renaissance jener realistischen Literatur bewirken, die sich den Alltagskonflikten der Menschen zuwendet?

B.W.: Nicht die Abwesenheit von Leben ist interessant und die Frustration darüber, sondern das, was passiert. Spannend sind jetzt die ganz neuen Verbindungen. Die Westler müssen in den Osten, die Ostler in den Westen gehen.

P.B.: Das müßten die Schriftsteller aber dann auch so machen.

B.W.: Mein großes Glück ist ja, daß ich das, wozu jetzt viele anderen gezwungen werden, daß ich das freiwillig gemacht habe. Und das war eine bewußte Entscheidung.

zurück