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Ulrich Schacht, Mut zum Zweifel. Über Bernd Wagner
Neue Deutsche Hefte 166, Heft 2/1980

Der Mann, dies vorab, ist eine Entdeckung, und nicht nur, weil (scheinbare) Dürre im Gefolge von (scheinbarem) Kahlschlag die Szene kennzeichnet: die Literaturszene in der DDR. Der Fortgang vieler großer Namen aus jenem in diesen Teil der Nation hat der hiesigen Kritik die Blickrichtung nach dort, wenigstens bis zur Stunde, verstellt, und ein hijn und wieder doch noch erfolgender "Blück zurück im Zorn" erfaßt fast ausnahmslos die potentiellen Abwanderungs-Kandidaten. Auf der Strecke bleiben Namen, die im Kommen sind, obwohl sie am Ort des Geschehens bleiben. Namen, die für die Kontinuität unverfügbarer oder sich zunehmend der Verfügung entziehender Subjektivität stehen - in einem politischen System, das Selbst-Bewußtsein immer noch als Bedrohung erkennt und nicht als bereicherung. Selbst-bewußt sind sie denn auch, die Verse und Sprüche jenes 1948 in Wurzen geborenen Sachsen Bernd Wagner, der bis 1976 den Lehrerberuf (Deutsch/Kunsterziehung) ausübte und im selben Jahr im Ostberliner Aufbau-Verlag mit dem Prosaband Das Treffen debütierte, zu dem der Lyriker, Prosaist und Lektor Friedemann Berger ein Nachwort schrieb.
Zweite Erkenntnis - schon im Titel des Bandes spricht sich aus, was ein Großteil der Verse charakterisiert: Mut zum Zweifel. Es ist vor allem, so darf man wohl unterstellen, der Zweifel an der verordneten "ersten Erkenntnis": "Die großen Dinge werden ohne dich getan. / Es ist unnötig, daß du aufschaust: / Du siehst nichts." Bittere Einsichten also, die uns beim Lesen solcher Sätze in den Kopf geraten. Einsichten in Vorgänge ohne Aussicht: "Es ist unnötig, daß du mit dem Fuß zuckst, / im Schlaf: / man wird dich in Kenntnis setzen."
Möglich gemacht wird das vor allem von jenen, die "In der goldenen / Mitte" leben, "im Schnittpunkt / der Linien"; die "Auf der Schwelle gelebt" haben, "Zuhause in keiner Zeit"; die "tot gewesen, bevor / der Tod kam"
. Das ist moralistisch, gewiß; aber wer die Verhältnisse kennt, in denen Wagner lebt, versteht seine eindeutige Rede gegen Opportunismus, gedankenferne und Oberflächlichkeit sehr gut. Nicht, daß derartige Verhaltensweisen DDR-Spezifika wären - sie sind vor allem menschliche. Doch ermöglichen gerade sie es, daß "Nach dem Sturm" "in den besonders betroffenen Gebieten" "Feuerwehr und Polizei / die Ordnung wieder" herstellen; "Die Motoren beginnen sich zu drehen / die Filmprojektoren zu surren / die Kaffeemühlen zu schlagen. // In den Radios geht das Licht an / und nach einer Weile der Stille / beginnen die Sänger wieder zu singen." Das, was hier lakonisch benannt wird, ist der fatale Gang jeder Normalisierungspolitik", die dem fehlgeschlagenen Versuch der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse folgt - wo auch immer. Jedenfalls läßt sich das assoziieren. Der Lyriker Johann Wolfgang Goethe wußte schon vor langer Zeit: "Der Drang einer tiefen Anschauung erfordert Lakonismus." Und Bernd Wagner selbst ist es, der in einem Gespräch zwischen jungen Lyrikern der DDR (abgedruckt in den "Weimarer Beiträgen" 7/79, S.46) bekennt: "während wir, was in den sechziger Jahren in der DDR passierte, eigentlich schon als Außenstehende und nicht als Träger dieser Sache erlebten. Für mich war interessant, wahrscheinlich weil es aufregender war, was in der CSSR passierte... in Frankreich... in Westberlin..."
Das Aufgeregt-Sein Wagners angesichts dieser konkret genannten Ereignisse muß lange vorgehalten haben, ist bis zur Stunde Grundgestus seiner Gedichte. 1975 schreibt er das Gedicht Böhmen, das wohl zu den besten des Bandes gehört. Die Verwendung von Gestalten aus dem biblischen Mythos auch in diesem gedicht signalisiert vor allem eins: die Schwierigkeit beim Schreiben der Wahrheit. Und doch kann von Sklaven-Sprache keineswegs die Rede sein, denn das brutale Ereignis, in diesem Fall ein Brudermord, kommt zur Sprache: "Kain, im Herzen des zerrissensten Teiles dieser Erde, erschlug Abel." Der das sagt, sagt von sich, dem melancholischen "Kapuzineräffchen": "Ich bin ein Einzelgänger. / Mein Arsch ist nicht rot. / Durch den Urwald schreie ich selten. // Ich bin zur Dressur ungeeignet. / Ich lasse mich nicht gern lausen." Und dann: "Ein Krieg müßte kommen, sagt der Pavian. / Ich würde sitzen und heulen."
Wagner, der Gedichte- und Sprüche-Schreiber, klopft also keine. Seine Metaphern und Genitiv-Konstruktionen, die nicht alle vor Originalität strotzen, sind nicht Ausdruck von Flucht ins Nebulose, Unkonkrete, sondern Mittel zum Zweck legitimer Verallgemeinerung, die - so paradox es auch klingt - die eigenen konkreten politischen Verhältnisse ausspart und so in die bitter-kritische Bennenung einbezieht.
Überzeugend verwendet er die rhetorische Form des "Gebets", scheut sich nicht einmal zu "predigen": "Uns ist kein Retter geboren. / Der Heiland ist uns abhanden gekommen." Das ist Theologie des Zweifels, kaum naßforscher Atheismus. Das ist "Zweite Erkenntnis", die sich immer wieder zurückgeworfen weiß auf sich selbst: "Wir können auf niemand die Schuld schieben. / Außer auf uns. / Wir können auf niemand die Unschuld schieben. / Außer auf uns." Solche bitter-harten Verse zerschlagen jedes nur nachbetende "Beten", und zu Bruch geht hier vor allem die politische Metaphysik einer staatlich festgeschriebenen Geschichtsphilosophie. Optimismus, die daraus resultierende, gängiggängelnde Forderung an alle Künstler zwischen Elbe und Oder: in diesen Gedichten wird sie nicht eingelöst. Andere Vokabeln herrschen vor. Andere Wörter, weil andere Erfahrungen: "Tod" zum Beispiel. Und "Blut". Und "Salz". Und "Asche". Vereisung heißt ein Gedicht. Das danebenstehende Vineta. Wagner durhcstreift das "alternde Rom", in dem selbst die "Irrtümer verbraucht" sind; beschreibt einen "Aschermittwoch", an dem "alle im Schnee (frieren) / der sich / in ihre stehenden Schuhe frißt." Da ist es keine Überraschung, wenn er auch noch einen "Jahrmarkt" erlebt, den er verläßt "mit klebrigem Mund / von den viel zu süßen Äpfeln", weil er sich zuvor "Im Kreis" gedreht hat "bis zur Erschöpfung; / auf dem Schimmel / auf dem Rad / in der Todesrakete". Diese Pointe ist mehr als makaber. Und auch seine Widmungsgedichte - auf Majakowski, Scardanelli und Büchner - weisen in diese Richtung.
Keine gemütliche Welt also, die sich dem Leser auftut. Unsere alltägliche vielmehr, real erlebbar, Stunde um Stunde. Zu ihr gehört zum Beispiel ein scheinbar so banaler Gegenstand wie Die Tür. Sieben Sprüche widmet Wagner ihr, drei davon, zitiert, mögen den Hunger auf alle wecken: "Die Tür ist verschließbar." / Eine Möglichkeit, ein- oder auszusperren." "Die Tür ist eine Hoffnung, / über die du dir keine Illusionen machen sollst." "Die Tür ist mehr als ein Symbol. / Sie ist vor allem die Tür: konkret und einschlagbar."
All das ist denen gesagt, die noch "nicht unglücklich genug" sind, die immer noch zugeben: "Wir haben Einsehen." Es sind jene, die sich nicht umsehen, denn "Erkenntnis läßt erstarren zu Salz, und Salz / ist nütze zu nichts. Sagt Lot." "Sei" also "blind! Nur der Blinde sieht nichts." Und begibt sich nicht in Gefahr, um dann doch darin umzukommen: "im luftleeren / Zentrum des wandernden /Tornados: / werden dich alle Kugeln treffen."
Das ist, in treffsichere Sprache gebracht, die klare "Zweite Erkenntnis" des zweiunddreißigjährigen Dichters Bernd Wagner. Das ist seine Warnung und Botschaft, die uns dennoch nicht ganz im Dunkeln zurückläßt: "Mai"- und "September"-Gedichte bewahren eine Spur Licht. Selbst "F.", der Frühling wird angekündigt und der Leser aufgefordert: "Bereitet ihm einen Empfang!" Aber die naive Fröhlichkeit auf den ersten Blick entlarvt sich nach der "Zweiten Erkenntnis" des Gedichts als An-Spruch und Auf-Forderung ohnegleichen: "Schon legen die Toten die Ohren / an die Rinde der Erde und lauschen - auf Euch, Freunde. Auf F. /Ihr seid F." Ich glaube, Bernd Wagner kann an seinem eigenen An-Spruch gemessen werden. Denn daß er "ein Mensch" ist, "Von der trotzigen, der zweibeinigen Sorte", das glauben wir ihm nicht nur. Das hat er bewiesen. Mit diesem Buch.

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